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  • Christoph Schmitt

Dicke Post

Beitragsfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

Diskussion und Reflexion über die Zukuft schulischer Bildung bleiben beim Einsatz digitaler Medien im Nah- und Fern-Unterricht hängen. Doch nicht der Ausfall oder das Stattfinden von Unterricht ist die Herausforderung der Stunde, sondern das Ausbleiben fundamentaler Lernprozesse und basaler, sozialer Erfahrungen. Die bleiben im herkömmlichen Beschulungs-Setting ja auch aus – egal ob remote oder im Klassenzimmer eines Schulgebäudes. Das Gezanke um den digitalen Overkill ist ebenso ein Ablenkungsmanöver wie die Annahme, mit dem Einsatz digitaler Technologie sei die Zukunftsfrage von Bildung gelöst.

Da geht‘s um was ganz anderes.

Wir leben nämlich noch immer in jenen Disziplinargesellschaften, in denen – gemäß Michel Foucault – jede und jeder von uns durch ständige Disziplinierung, Überwachung und Strafe die gesellschaftliche Kontrolle verinnerlicht. So schreibt Michael Seemann in seinem Buch „Das neue Spiel. Strategien für die Welt nach dem digitalen Kontrollverlust.“

Darum geht’s in der Schule bis heute. Machstrukturen akzeptieren, Disziplin verinnerlichen und Selbstkontrolle entwickeln. Dieses Konzept bildet das Fundament aller Bildung und Erziehung in der Gegenwart. Mit diesem Narrativ sind so gut wie alle Pädagog*innen rund um den Globus groß geworden: Am Ende ist Kontrolle immer das Maß der Dinge. Wer auch immer sie hat. Eine Welt ohne sie ist unvorstellbar. Erst recht nicht in der Schule, die praktisch nichts anderes tut als Menschen zu kontrollieren. Wie Google & Facebook auch – nur macht Schule das staatlich legitimiert und monopolisiert.

Kontrollverlust als Kränkung

Mittlerweile sind wir endgültig und ausnahmslos im Zeitalter der digitalen Informationstechnologien angekommen. Dessen Hauptmerkmal ist neben der schieren Menge an Daten, die produziert und kopiert werden, der Verlust von Kontrolle über das, was zum Kerngeschäft von Schule und Hochschule gehört: Informations- und Wissenslogistik. Ankarren, Aufbereiten, Verteilen, Wiedergeben und Kontrollieren von Information. Tagein, tagaus.

Wir können vielleicht noch Anwesenheit kontrollieren und Verhalten. Nicht aber Information, und erst recht nicht die Daten. Ein wesentlicher Grund, aus dem es Schule gibt: das Wächteramt über den korrekten Umgang mit einem korrekten Bestand an Information, ist perdu. Unwiederbringlich. Ein Verlust ist das vor allem für jene Menschen und Institutionen, die sich bisher über Kontrolle definieren: ihre Identität, ihre Aufgaben und Funktionen. Sie sind versucht, Kontrolle hinüber zu retten in die Welt nach dem Kontrollverlust. Eine Studie des Max-Planck-Instituts mit Führungskräften hat gezeigt, was die Folgen sind: Es fallen keine mutigen Entscheidungen mehr.

Gesucht und gefunden werden: Die Query

Das neue Paradigma ist die Query, zu deutsch: die Abfrage. Nicht was wir anzubieten haben an Content und anderen Pralinen, nimmt am neuen Spiel teil, sondern das, was gesucht wird – und gefunden.

„Der Wert liegt in der Auffindbarkeit“ Michael Seemann

Während es lange Zeit darum ging, wie Schule es schafft, Daten und Informationen zu vermitteln und zu übertragen, sodass ein Empfänger mit dem Übertragenen (dem „Stoff“) etwas anfangen kann, dreht die Query die Fragestellung um: Was sicht- und hörbar wird und relevant, „entscheidet sich durch die Ausrichtung und Mächtigkeit der Query. Und nicht zuletzt entscheidet es sich dadurch, wer Zugriff auf die Daten hat“, so Seemann.

Wie wird Schule zur Mitspielerin?

Was kann Schule tun, um eine gestaltende Mitspielerin in diesem neuen Spiel zu werden? Wie stellt sie sich auf? Was hat sie zu bieten? Wie verändert sie ihre Beziehung zu Information und Kontrolle – und nicht zuletzt: Was ist in diesem Zeitalter der vertauschten Vorzeichen ihre Aufgabe?

Sie weiß sich für die Fragen zuständig, nicht mehr für die Antworten. Für das Suchen, nicht für das Finden. Nicht für das Liefern und Vermitteln von Information, sondern für das lustvolle Geschäft der gemeinsamen, nachhaltigen Konstruktion sinn- und bedutungsvoller Wirklichkeiten: beruflich, privat, ökologisch, sozial.

Gefragt sind mehr denn je Digital Literacy und Digitale Kompetenz – und zwar auf drei Ebenen und in dieser Reihenfolge:

(1) bei Bildungsorganisationen

(2) bei lehrenden Berufen und

(3) bei Schüler*innen.

Erst wenn sich Schulen und Lehrpersonen selber auf den Weg einer digitalen Professionalisierung gemacht haben, spüren und erkennen sie die Unterschiede zu klassischen Vorstellungen von Lehre und Vermittlung. Erst dann entwickeln sie jene Fähigkeiten, bei deren Entwicklung sie ihre Schüler*innen kompetent begleiten sollen. Eine wunderbare Unterstützung dabei bietet die Mozilla Foundation an.

Digitalien: Das nach wie vor unentdeckte Land

Wenn Daten und Informationen tatsächlich das “neue Öl” sind und das frei verfügbare Kapital des Menschen und seiner Zukunftsgesellschaft, wenn die „Query“ ein Schlüsselmoment im Umgang mit diesen Daten ist, dann geht es bei uns allen zuerst um die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Dann spuckt Schule nicht länger Antworten aus wie eine Ballmaschine ihre Tennisbälle. Dann besteht ihre er(n)ste und vornehmste Aufgabe darin, dem Fragen Raum zu geben. Konsequent. Der uneingeschränkten Neugier.

Wir leben jetzt in einer völlig neuen und unentdeckten Welt: im digitalen Informations-Zeitalter. Keine noch so erfolgreiche Lern- und Organisationsstrategie der Vergangenheit wird uns beim Übersetzen in diese neue Welt helfen. Deshalb finde ich: Wir sollten zur Seite treten – als Lehrende, Beschulende, Belehrende, als Besserwisser und als Bildungsinstitutionen. Wir sollten lieber heute als morgen Platz machen für die, denen diese Welt gehört. Wir sollten von ihnen lernen: von ihren Fragen, von ihrem Suchen. Wir sollten sie nach Kräften dazu ermutigen und dabei unterstützen – wenn sie uns danach fragen. Besonders verlockend und ermutigend hat das meiner Ansicht nach in jüngster Zeit Nils Landolt formuliert, einer der engagiertesten Menschen in Sachen “Zukunft des Lernens”, die ich kenne.

Und wenn du dich durch diese Gedanken belehrt fühlst – das ist nicht meine Absicht. Für mich besteht die Welt nicht zwischen den beiden Polen von Lehrern und Schülern. So wenig ich mich belehrt fühle, wenn Aktivist*innen von FridaysForFuture pausenlos verkünden, wir sollten möglichst schnell und konkret aufhören, unseren Planeten zu zerstören. Für mich ist das keine Belehrung, sondern eine Erkenntnis. Es ist eine laut verkündete Einsicht, die aus Wissenschaft und sozialer Erfahrung folgt.

So verstehe ich auch mein Engagement für neue Bildung und neues Lernen.

[Dieser Post wurde ursprünglich in einer leicht abweichenden Fassung für die neue digitale Kollaborations-Plattform TEACHoz geschrieben.]

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