Suche
  • Christoph Schmitt

Lernen braucht keine Disziplin. Es braucht genügend Raum und Gelegenheit.

Thomas Tillmann hat mit seinem Team eine Toolbox für selbstorganisiertes Lernen entwickelt, die in praktisch jedem Lebensalter und in jedem Lern- und Arbeitskontext einsetzbar ist. Erst recht unter den Bedingungen der Digitalen Transformation, die ja bekanntlich das Beste am menschlichen Lernen wieder in den Vordergrund rückt: Selbstvertrauen, Selbstorganisation und Selbststeuerung. Bei einer Online-Session hat Thomas dieses Konzept der Lernhacks der Corporate Learning Community vorgestellt.

Wie so oft, wenn neue Konzepte alte Konzepte herausfordern, stehen sich in der Diskussion relativ schnell die Mindsets der jeweils anderen Seite gegenüber. Im Bereich Schule und Bildung sind das intrinsisch vs. extrinisch, Lehren vs. Lernen, Selbst- vs. Fremdsteuerung, Ordnung vs. Chaos, Disziplin vs. Strukturlosigkeit und Beliebigkeit. Exemplarisch hierfür steht meines Erachtens dieser Tweet:

Reflexartig ertönt bei jedem Landeanflug von “Selbstorganisation” der Warnruf klassischer Bildungs-Protagonisten: Aber bitte diszipliniert! Warum das? Entgegen landläufiger Annahmen ist Disziplin weder eine Tugend noch eine Fähigkeit. Sie ist ein Konzept. Wie Hefeteig. Dass sie “erfordert” ist, zeigt den Konzept- bzw. Rezeptcharakter an: “Man nehme …”. Ohne Hefe geht der Kuchen nicht auf. Ohne Disziplin die Selbststeuerung des Lernens nicht. Man nehme eine ordentliche Portion Disziplin, dann ist der Krieg schon halb gewonnen. Auch der gegen sich selbst.

Disziplin: Ein deutsches Erfolgsmodell

Als Konzept hat Disziplin und ihr Einfordern für mich etwas sehr Deutsches. Mir fällt dazu ein Ausspruch von Kurt Tucholsky ein: “Der französische Soldat ist ein verkleideter Zivilist, der deutsche Zivilist ist ein verkleideter Soldat.” Dieses Zitat stammt aus einer Zeit (Weimarer Republik), in der das aktuelle Schulsystem und seine Grundüberzeugungen von Ordnung, Diziplin und Standardisierung bis heute wurzelt.

Disziplin: Jemanden oder sich zu etwas zwingen. Vermeidungsziele verfolgen. Gegenkräfte aktivieren. Für die gute Sache: Durchhalten. Üben, üben, üben. Erfolg will verdient sein. “Lernen muss auch mal weh tun!” Der Treibstoff für Disziplin ist das pädagogische Wundermittel von “Belohnung und Strafe” – auch und gerade dort, wo “ich mir selber mal was versage und gönne”. Was für ein Leben 😳

Disziplin als Gleichschaltung und Standardisierung

Als Konzept findet sich Disziplin vor allem in jenen Systemen wieder, die Michel Foucault mit “Überwachen und Strafen” attribuiert: Fabriken, Schulen, Gefängnisse gehören zu den besonders wirksamen Orten. Und dann ist Disziplin auch militärisch. Auch hier hat sie Überwachungsfunktion. Sie wird als wirksamer Ordnungsgenerator eingesetzt, und sie wird umso wirksamer, als sie mit Überwachung verbunden ist. Disziplin kommt zum Einsatz, um Individuen und Individuelles gleichzuschalten mit dem Zweck, Macht auszuüben.

Sit down and be quiet! Aus der Doku School Circles[


Spätestens hier fällt die Pädagogik womöglich mit dem Argument ein, dass Macht ja an sich noch nichts Schlechtes sei. Fest steht: Disziplin ist nicht die Fähigkeit einer Person, für die eigene Bedürfniswelt und die der Mitmenschen einzustehen. Sie lenkt davon ab. Disziplinierung ist Dressur im Sinne der Automatisierung von Verhalten über Belohnung und Strafe.

Disziplin ist ein Konzept, das erfunden wurde um Prozesse und Menschen zu standardisieren. Auch Schule wurde erfunden, um zu standardisieren. Um Lernen zu standardisieren. Da kommt übrigens auch der Zertifizierungsfetisch her, der heute praktisch nur noch in diesen Überwachungssystemen seine Geltung ausspielen kann, wie Anja C. Wagner zu Recht betont.

Zur Disziplinierung gehört, sich keine Alternativen vorstellen zu können

Wer sagt, dass Selbststeuerung von Lernen Disziplin erfordere, überträgt dieses extrinsische Konzept auf ein intrinsisches: das Lernen. In pädagogischen Kontexten ist dann bald einmal die Rede von “Selbstdisziplin” – und vom notwendigen, didaktisch behutsam geführten Prozess der Aneignung und Verinnerlichung. So entsteht im lernenden Menschen der Eindruck, dass es gar keine alternativen Konzepte jenseits des Diziplinierungstamtams gibt. Zum Beispiel Leidenschaft, Feuer und Eifer, die ich für eine Sache entwickeln kann, und die in mir eine Hartnäckigkeit des Lernens entstehen lassen, die mit Disziplin nicht im entferntesten verwandt ist.

Zwar kann Disziplin die Selbststeuerung des Lernens nicht ganz verdrängen, aber sie ersetzt die Kräfte der Selbstorganisation alles Lebendigen durch das Prinzip der (Selbst-)Kontrolle. Wer dafür plädiert, dass selbstgesteuertes Lernen der Disziplin bedarf, ist deshalb im Mindset der Außen- und Fremdsteuerung unterwegs.

Die Formulierung “Selbststeuerung von Lernen” im Tweet von Stefan Diepolder insinuiert ja in ihrem Kontext, dass es auch Formen des Lernens gibt, die nicht selbstgesteuert sind – und dass diese aus pädagogischer Sicht den Normalfall bilden. Ich vermute, dort ist auch der Heimathafen von Diepolder: beim klassischen, durch Lehrende, Lehrpläne und Lernziele geführten und kontrollierten Lernen. Wenn in diesem Mindset klassischer Ordnungskonzepte externe Steuerungsimpulse zugunsten einer Selbststeuerung des Lernens ersetzt werden, kann das – in diesem Mindset – nur gelingen, wenn zugleich auch das Moment der Disziplinierung an die Lernenden übergeben wird – inklusive der “Verantwortung für sein eigenes Lernen”, die der Lernende gemäß Stefan Diepolder nun ebenfalls zu übernehmen hat. Selbststeuerung und Verantwortung werden hier an jemanden “übertragen”, der sie vorher nicht hatte. Was für ein absurdes Konstrukt.

Verantwortung herumreichen

Denn mit der Verantwortung verhält es sich so, dass jeder Mensch sie a priori hat. Für das, was er und sie tut und unterlässt, für das, was er und sie denkt und spricht. „Wir“ können also einem Menschen seine oder ihre Verantwortung für das, was er und sie denkt, tut, sagt und verschweigt, nicht übergeben, weil er und sie die immer schon haben. Sie sind Owner. Es reicht völlig, wenn das Bildungssystem den Lernenden diese Verantwortung nicht wegnimmt – um sie ihnen dann wieder grosszügig zu übergeben.

Wir lernen also nicht Verantwortung zu übernehmen. Im besten Fall realisieren wir, dass wir sie immer haben, wenn wir so oder so handeln, dieses tun und jenes nicht. Wir werden uns also unserer Verantwortung bewusst. Wenn jemand verantwortungsvoll handelt, dann nicht, weil er oder sie gelernt hat, sie zu übernehmen, sondern weil er oder sie realisiert hat: Ups, ich habe sie ja jederzeit.


Das Lernen freilassen

Dass wir aufgehört haben, an die Kraft und die Möglichkeiten zu glauben, die in uns Menschen schlummern, ist ein Effekt des Bildungs- und Erziehungsystems, das diese Regel zur Ausnahme erklärt hat und systematisch dafür sorgt, dass es eine bleibt.

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen als bisher ihr Leben, ihr Entscheiden, ihr Handeln und die Verantwortung für das, was sie sagen und denken und tun, übernehmen, und dass sie sich in dieser Haltung zusammenfinden und mehr und mehr in Prozesse gestaltend und visionär eingreifen, wenn wir zusammen dafür sorgen wollen, dass sich die Spiralen des Wahnsinns abflachen, verlangsamen und sich in andere, humane und nachhaltige Richtungen entwickeln, dann müssen wir aufhören mit der Infantilisierung des Menschen durch lehrende und erziehende Systeme. Dann müssen wir uns jene Verantwortung zumuten, die uns von Alters her von den großen Denkerinnen und Denkern zugesprochen und unterstellt wird. Von Sophokles’ Antigone über Kant bis in den modernen systemischen Konstruktivismus hinein geht es ja immer um die unausrottbare Kraft des Menschen, seiner und ihrer eigenen Verantwortung nachzukommen.

Dass es wirklich ganz anders werden kann, zeigt eines von vielen gelingenden und erfolgreichen Konzepten, das mir neulich im Netz begegnet ist: Die School Circles, die Demokratische Schulen in den Niederlanden praktizieren – nach dem Prinzip Sociocracy. Die Video-Dokumentation zeigt eindrücklich, wo die Unterschiede zum klassischen Schulsystem sind, und wie diese Unterschiede praktisch werden. Ich kann diese Doku wärmstens empfehlen, weil sie ein anderes Konzept zeigt, das funktioniert – jenseits aller Vorurteile und Ausreden.

Schließen möchte ich mit einem Statement, das mich sehr berührt hat.

Quelle


0 Ansichten
 

©2020 Bildungsdesign | Datenschutz | Haftungsausschluss