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  • Christoph Schmitt

Weil das Antlitz den Menschen macht

Portraitfotografie: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich fühle mich derzeit herausgefordert, den Kontakt zu mir selbst nicht zu verlieren. Die Verbindung zu meinen Überzeugungen, zu dem, was mich ausmacht und was mir wichtig ist. Es greift eine Art Überlebensmodus um sich. Verständlicherweise. Nachvollziehbar. Es müssen Situationen ausgehalten werden, die unmenschlich sind. Es müssen Lösungen gefunden werden für Umstände – in Umständen, die das Finden von Lösungen enorm erschweren.

Wie behalte ich da den Kontakt zu mir selbst? Im emotionalen, existenziellen Sinne: als Person. Die täglichen Einspielungen des Pianisten Igor Levit auf Twitter helfen mir enorm dabei. Er schreibt selber:

Es geht um mehr als um “Funktionieren”

Und je mehr ich mit mir selber in Kontakt komme, um so schmerzlicher vermisse ich in etlichen Abläufen des Alltags den Aspekt des Menschlichen. Diese Abläufe erlebe ich im Moment vor allem so, dass sie auf irgendein Funktionieren und Aufrechterhalten reduziert werden. Da liegt die psychologische Erklärung nicht fern, dass Menschen sich in solchen Situationen halt vor allem an Routinen klammern. Das höre ich pausenlos. Ich höre es seit vielen Jahren immer dort, wo Entwicklungsschübe aufgeschoben werden und abgewehrt. Ich höre: Menschen reagieren in verunsichernden Situationen verunsichert und klammern sich dann an Bewährtes. Andererseits hat mal jemand gesagt: Wir weinen nicht, weil wir traurig sind. Wir sind traurig, weil wir weinen. Also könnte es doch auch so sein, dass wir nicht deshalb klammern, weil wir verunsichert sind, sondern dass wir verunsichert sind, weil wir klammern.

I smell a rat

An diesen reflexartigen Erklärungen ist also was faul. Warum sollte ich mich in unsicheren Zeiten ausgerechnet an etwas klammern, das Verunsicherung auslöst, weil es nicht mehr funktioniert? Diesen Reflex erlebe ich derzeit auch in meinem Kerngeschäft, der Bildung. Noch mehr als zu coronafreien Zeiten überträgt dieses System jetzt seine eigene Dysfunktionalität auf die sozialen Systeme derer, die in diese Bildungssysteme eingebunden sind. Schulen, ihre Repräsentanten, (Infra-)Strukturen und Abläufe werden jetzt nicht ein- und freigesetzt, um den unzählbaren Familien und familienähnlichen Gemeinschaften wo auch immer möglich zu helfen. Vielmehr wird jetzt großflächig und täglich eine Schul(un-)kultur in diese familiären Systeme injiziert. Hier wird ausschließlich der Funktionalität einer Systemroutine Tribut gezollt, die schon im Normalbetrieb mehr als zwiespältig ist.

Just im Moment greift ein in meinen Augen kalter, technologischer Ansatz von Digitalisierung um sich, wenn in der Lern- und Arbeitswelt von oben herab in Windeseile digitale Technologien implementiert werden, um die bestehenden Lehr- und Arbeitsstrukturen und Abläufe auf die Lebenswelten lernender und arbeitender Menschen auszuweiten. Dadurch besitzen die noch weniger Ausweichmöglichkeiten, als sie in dieser schrecklichen Lage dringend bräuchten. Dabei müssen (und könnten) wir die digitalen Möglichkeiten jetzt vor allem dafür nutzen, um füreinander auf einer menschlichen und solidarischen Ebene erreichbar zu bleiben und vielerorts erst einmal zu werden. Dazu müssen wir womöglich bloß einen Moment lang innehalten und die Gesichter jener aufsuchen, mit denen wir unterwegs sind.

Foto: Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Meine Vermutung ist nämlich: Wenn wir uns auf diese Art “aus den Augen verlieren”, geht es zunehmend nur noch um den Aspekt der Funktionalität. Über dieses Funktionieren hinaus hat der Mensch, der mit mir unterwegs ist, dann keinen Platz mehr. In Online-Sessions und Meetings, an denen ich teilnehme, in Webinaren und Live Tutorials geht es derzeit nicht und nie wirklich um die Menschen, die da zusammenkommen. Nicht um ihre Situation, nicht um Überforderung, um Ängste. Wenn jemand seine oder ihre Tränen nur noch knapp zurückhalten kann, und wir das nicht ansprechen können, wenn jemand das Mikro stumm schaltet, damit das „Familienchaos“ ungehört bleibt und wir auch das übergehen, dann stimmt für mich etwas nicht mehr. Das sind wir in einer enormen menschlichen Schieflage angekommen.

Und ich erschrecke wirklich, wenn Führungskräfte und Moderatoren im beruflichen Alltag gegenüber ihren Mitmenschen zu Kriegsmetaphern greifen; wenn davon die Rede ist, dass wir “Gewehr bei Fuß” zu stehen hätten, und ab Montag “scharf geschossen” wird, sprich: das Sommersemester beginnt.

Was durch dieses Ausblenden des Menschlichen auf der Strecke bleibt und meiner Vermutung nach auch von etlichen Verantwortungsträgern absichtlich unterbunden wird, ist die Entstehung von Solidarität in den digitalen Netzwerken. Da wird keine Zeit eingeräumt, da wird keine Struktur ermöglicht, um miteinander jene Nähe entstehen zu lassen, die wir jetzt so dringend brauchen. Stattdessen wird um jeden Preis die Illusion von Funktionalität aufrechterhalten. Ich finde das in hohem Maße absurd.

Selbstverständlich gibt es im Moment Situationen, in denen es um nichts anderes gehen darf, als um das Aufrechterhalten von Funktionalität. Wenn ich nur schon an die medizinische Versorgung denke: Da hängt für ganz viele Mitmenschen alles davon ab, dass diese Systeme funktionieren. Auch stehe ich mit tiefer Bewunderung und Dankbarkeit vor Menschen, die dafür sorgen, dass unsere Nahrungsketten nicht unterbrochen werden – und vieles, vieles mehr!

Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Gerade deshalb finde ich es so wichtig, dass wir das Antlitz unseres Gegenübers nicht aus dem Blick verlieren – damit wir realisieren und uns vergewissern, warum wir das tun, was wir tun, und mit wem wir da gerade unterwegs sind bzw. gefangen – jede und jeder an seinem und ihrem Ort; dass wir uns darüber klar werden, warum wir uns für andere einsetzen, ihnen zuhören und Raum geben. Warum wir Systeme aufrecht erhalten: Wem wir damit nützen und Gutes tun wollen – und wie es uns selber in diesen anspruchsvollen Situationen ergeht.

Ich finde es gerade jetzt enorm wichtig, dass wir miteinander im Gespräch bleiben über das, was uns im Innersten wichtig ist – und was uns verbindet.

Ich finde es wichtig, dass wir den Kontakt erhalten zu dem, was uns ausmacht.

Corine Pellouchon über Emmanuel Lévinas (Quelle)

Mohamed Abdelgaffar, Egypt – on pexels

Ich kann jedenfalls nur schlecht damit leben, dass und wenn Menschen, ihre Gesichter und Geschichten hinter Situationen verschwinden, weil sie unsichtbar gemacht werden, weil und wenn sie zu Rädchen degradiert werden, zu Erfüllungsgehilfen von Funktionalität. Ich finde, wir dürfen das eine nicht mit dem anderen begründen. Ich möchte verhindern, dass die Meinung um sich greift, es ginge nicht um den Einzelnen und die Einzelne, mit der Begründung, es gehe jetzt um viele. Denn nicht die Masse macht den Menschen, sondern das Antlitz jeder einzelnen. Das ist die Wurzel aller Humanität, die in Zeiten wie diesen immer wieder von neuem zu verdorren droht.

#Antlitz #Humanität #Menschlichkeit #Solidarität

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